Schule

In Kapitel 46 besucht Margaret mit Mr. Bell ihren früheren Heimatort, Helstone. Noch immer hat sie ein schlechtes Gewissen, weil sie sich vor ihrem Umzug nicht von der kleinen Susan verabschiedete. Daher gehen die beiden zum Haus von Susans Mutter, wo die Kleine sich tagsüber immer aufhielt. Doch Susan ist jetzt in der Schule, anstatt wie früher von ihrer Mutter unterrichtet zu werden. Obwohl Mr. Bell als Oxford-Fellow sehr viel von Bildung hält, äußert er die Meinung, dass der schlichte Unterricht zu Hause für das Kind besser sei als der Besuch der Schule. Danach erzählt Susans Mutter von einer schrecklichen Tierquälerei, die aufgrund des in dieser Region herrschenden Aberglaubens durchgeführt wurde. Sie verdammt zwar die Misshandlung des Tieres, glaubt aber fest an die Wirkung der schwarzen Magie. Zerknirscht korrigiert Mr. Bell auf dem anschließenden Weg zur Schule Margaret gegenüber seine Meinung: "Alles ist besser, als dieses Kind in solch einem pragmatischen Heidentum aufwachsen zu lassen."
 

In der Schule fungiert die neue Pfarrersfrau, Mrs. Hepworth, als Lehrerin. Sie behauptet, es Margaret anzusehen, dass sie gern Unterricht geben würde, und weist ihr eine Klasse für eine Grammatikstunde zu. Um nicht unhöflich zu sein, widerspricht Margaret nicht und spielt Lehrerin. An einer Stelle wird sie dadurch beschämt, dass das Wissen der Kinder aktueller ist als ihres: unbestimmte Artikel werden inzwischen "absolute Adjektive" genannt.
 

Wir modernen Leser schmunzeln – wissen wir doch, dass heute wieder die alte Bezeichnung "unbestimmter Artikel" gilt. Unwillkürlich fragen wir uns: Welches Wissen überdauert die Zeit und erweist sich als wirklich wertvoll? In der Pädagogik gab es bereits zahlreiche Experimente, die später verworfen wurden, wie z. B. in den 70er Jahren die Einführung der Mengenlehre an den Realschulen. Nicht allein, dass die Tragweite dieser mathematischen Richtung unterschätzt wurde – sie hat im Alltag auch nur einen sehr eingeschränkten Nutzen. Was hilft uns aber tatsächlich weiter?
 

Diese Frage beantwortet Gaskell an anderen Stellen. Für sie enthalten die alten Legenden und Heldensagen sowie lehrreiche Texte aus verschiedenen Quellen gute Vorbilder, an denen der Mensch im Alltag sein Handeln ausrichten kann. In Kapitel 41 schlägt Margaret einen Text des Heiligen Franz von Sales auf, der sie anleitet und tröstet. Und in Kapitel 48 denkt sie daran, wie sie als Kind den Heldinnen aus den ihr bekannten Erzählungen nacheifern wollte und wie schwierig sich das in den Situationen gestaltete, mit denen das Leben sie im Laufe der Zeit konfrontierte.
 

Gaskell ist also grundsätzlich eine Idealistin, die den Menschen dazu aufgerufen sieht, nach christlichen Prinzipien zu leben. Andererseits ist sie Realistin genug, um zu wissen, dass das im konkreten Fall sehr schwierig sein kann. Besonders deutlich wird dies in Kapitel 40 in einem Redestreit zwischen Mr. Bell und Mr. Thornton, wobei Ersterer einen etwas weltfremden Philosophen verkörpert und Letzterer einen Geschäftsmann, der so sehr mit dem Geldverdienen beschäftigt ist, dass er darüber vergisst, mit dem verdienten Geld das Leben zu genießen. Mr. Bells provokante Äußerung "Ich frage mich, wann ihr Miltoner Männer zu leben gedenkt" hallt sozusagen in Heinrich Bölls "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral" von 1963 wider. Und einmal mehr ist es erstaunlich, wie früh Elizabeth Gaskell bestimmte Tendenzen erkannte.