Elizabeth Gaskell

Von Süden nach Norden – die Reise von Margaret und Elizabeth

"Norden und Süden" ist zwar kein autobiografischer Roman, aber es gibt frappierende Parallelen zwischen der weiblichen Hauptfigur, Margaret Hale, und der Autorin, Elizabeth Gaskell. Beide wuchsen im Süden Englands als Pfarrerstöchter auf, beide zogen als erwachsene Frauen in den industrialisierten Norden und mussten eine Art Kulturschock überwinden. Gaskell gibt ihre Eindrücke durch Margarets Äußerungen und Gedanken wieder. Anfänglich erscheint ihr der Norden rußig, arm und verkommen. Doch im Laufe der Zeit wird ihr klar, dass Norden und Süden ihre Vor- und Nachteile haben.
 

Gaskells Welt: die frühe Industriegesellschaft

Wer die Baumwollmetropole Milton auf der Landkarte sucht, wird nicht fündig. Gaskell formte den fiktiven Ort nach dem Modell ihrer zweiten Heimat, Manchester, deren enger Bezug zur Baumwollverarbeitung ihr den Beinamen "Cottonopolis" einbrachte. Dort lebte Gaskell mit ihrem Ehemann – wiederum einem Pfarrer – und lernte Industrielle ebenso wie Arbeiter kennen. Dadurch verstand sie beide Schichten und konnte die verschiedenen Figuren ihres Romans so lebensecht und vorurteilsfrei gestalten. Es ist erstaunlich, auf welch natürliche Weise sie Thornton und Higgins sprechen lässt. Der Leser kann daraus schließen, dass sich Gaskell intensiv mit den wirtschaftlichen und sozialen Belangen der Mancunians, der Einwohner von Manchester, auseinandersetzte. "Norden und Süden" legt Zeugnis von Gaskells wachem Geist und schriftstellerischem Talent ab und stellt ein lebendiges Porträt der englischen Gesellschaft im viktorianischen Zeitalter dar.
 

Ihrer Zeit weit voraus

Für uns Menschen des frühen 21. Jahrhunderts ist es spannend, die Anfänge unserer Arbeitswelt in jener Ära zu entdecken. Überraschenderweise sind die Grundzüge der damaligen Gesellschaftsstruktur trotz oberflächlicher Veränderungen erhalten geblieben. Wir schmunzeln vielleicht, wenn wir lesen, dass John Thornton am Abend ungeduldig darauf wartet, dass seine Mutter zu Hause Kerzen anzünden lässt, damit er weiterarbeiten kann. Aber auch wenn wir heute ohne zu überlegen einen Lichtschalter betätigen, gibt es noch Streiks und Arbeitslosigkeit, soziale Probleme und unzulängliche Lösungsversuche. Es stimmt nachdenklich, dass wir trotz der Flut an Erfindungen und des exponentiellen Anwachsens des Wissens entscheidende Schwierigkeiten noch nicht überwunden haben. Aus heutiger Sicht haben Thorntons Betrachtungen über eine bessere Kooperation zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern etwas Zukunftsweisendes, ja nahezu Visionäres.